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Ben Nevis – Gipfelbezwinger wider Willen

19. August 2018

Zum Thema Ben Nevis in Schottland fällt mir ein, dass ich ja finde, die besten Geschichten beginnen mit den Worten:

„eigentlich wollten wir ja gar nicht …“

– und diese tut es ebenfalls.

Und ja, die meisten werden uns wahrscheinlich dafür belächeln, weil sie normalerweise in den Alpen wandern, an Höhenmeter gewöhnt sind und mit Bergen keine Probleme haben.

Ich aber, pardon, bin ein echter Waschlappen, wenn es um Höhenmeter geht!

Ich wandere normalerweise im Pfälzerwald, wo die richtig hohen Erhebungen etwa 500 m ü. N.N. liegen (das sind dann die hohen Berge und ich fange selten – nie – bei Null an) und bei manchen meiner liebsten Wanderungen dort gibt es sogar eine Sesselbahn, die einen auf besagte 500m bringt, damit man nur noch geradeaus über Bergrücken gehen muss. Ich mag z.B. den Dimbacher Buntsandsteinhöhenweg, bei dem man einen gesamten Anstieg von knapp über 400 m hat und dann ist dann eine ordentliche Tagestour!

Ist das überhaupt Wandern? Ich finde, ja! 😀

 

Ben Nevis? Nö, danke!

Wir kommen also im wunderschönen Glen Nevis (für alle Schottlandfans an sich schon ein Traum) an und unser freundlicher Taxifahrer in Plauderlaune erzählt uns von diesem hohen Berg, dem Ben Nevis, den man unbedingt mal gesehen haben sollte. Für uns ist aber sofort klar: Nein, danke! Treppen können wir nicht. Schaffen wir eh nicht. Der Ben Nevis scheint ja sogar ein richtiger Berg zu sein! Wir sind ja nicht blöd, sondern im Urlaub. Absolut ausgeschlossen.

Der Taxifahrer winkt lachend ab und behauptet, selbst seine Oma würde auf diesen Berg steigen, immerhin seien das nur ein paar Stufen. Ich tippe mal auf britischen Humor, lache und bleibe bei meiner Meinung: Wir sind ja schließlich nicht doof!

Fluss im Glen Nevis

Glen Nevis

Abgesehen davon hat das Tal rund um den Ben Nevis auch so für Landschaftsliebhaber genug zu bieten und wir verbringen unseren ersten Tag damit, einfach nur den Fluss entlang zu wandern, so weit wir Lust haben, über Wiesen zu schlendern und uns die Umgebung anzusehen.

 

Man kann ja mal gucken …

Allerdings gibt es da, direkt gegenüber unseres Hostels, diesen Weg. Ein Pfad am Fuße des Ben Nevis, der zu einem kleinen Wäldchen und danach außer Sicht führt und der unsere Augen immer wieder wie magisch anzieht. Mehrmals stehen wir am Zaun (Zäune gibt es hier überall, weil Schafe und so!) und schauen in Richtung Berge.

Der verlockende Weg

Der Weg ist verlockend. Wie Onkel Bilbo schon sagte: Man betritt eine Straße und wenn man nicht auf die Füße achtet …

Abgesehen von diesem Weg steht da noch dieses Schild mitten auf der Wiese unter einem kleinen Holzunterstand – eine Karte mit ein paar Hinweisen zu besagtem Ben Nevis, die uns nicht weiter interessieren. Aber auf der Karte sehen wir, dass etwa auf halber Strecke ein hübscher See liegt, hoch oben, aber eben nicht zu weit oben. „Ach“, denken wir, „Man kann ja wenigstens mal nen Tagesausflug zu dem See machen“, immerhin haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Wanderung fest geplant und diese scheint anspruchstechnisch in Ordnung zu sein.

Die Berge rund ums Glen Nevis

Und so kommt der nächste Morgen, an dem wir motiviert die Rucksäcke schultern. Im Gepäck drei Bananen, eine Packung Kekse und ein paar Tomätchen, immerhin machen wir nur einen Ausflug an den See. Spätestens in ein paar Stunden sind wir zurück im Hostel … oder so.

Wir betreten den hübschen Pfad, überqueren die Wiese und gelangen schließlich an eine Treppe – und da beginnt die Qual. Wie bereits erwähnt, ich bin kein Fan von Treppen. So gar nicht! Aber immerhin wollen wir zu diesem See, also fangen wir an, die Stufen zu erklimmen …

Immer schön die Treppe hoch

Blick übers Glen Nevis

Belohnt werden wir mehrmals mit gigantischen Aussichten über Glen Nevis. Und schließlich haben wir einen atemberaubenden Blick auf den Bergsee, der innerhalb weniger Sekunden vollständig in einer Wolke verschwindet. Eben noch Sonne, auf einmal feinste Horrorfilmstimmung.

 

Und weiter gehts

Wir bleiben stehen, atmen tief ein, genießen die Aussicht und beäugen den Weg, der in Zickzacklinien weiter nach oben führt, neugierig. Irgendwie packt uns die Motivation. „Ein bisschen geht noch“, heißt es plötzlich und: „Wir können da vorne ja immer noch umdrehen, aber da hat man bestimmt einen tollen Blick!“

Die Hälfte des Proviants ist gegessen, uns ist völlig klar, dass das keine 3-Stunden-Wanderung wird, aber irgendwie gehen wir immer weiter. Die Kurve noch, der nächste Punkt und immer einen Fuß vor den anderen.

Der Bergsee auf dem Weg zum Ben Nevis

Nicht nur der Bergsee taucht regelmäßig in aufziehende Wolken, wir stecken da auch drin und mit der Zeit wird die Landschaft immer unwirklicher, das Wetter immer rauher, die Nase kälter, die Haare nässer … Oder, für alle Liebhaber des Einen Ringes dort draußen: Erst war es das Auenland, dann die Totensümpfe und irgendwann kraxelten wir durch die Emyn Muil.

Aber die Zivilisation bleibt in Sichtweite, jedenfalls immer dann, wenn die Wolken aufreißen und uns den Blick ins Tal freigeben. Der Weg ist eindeutig und verirren kann man sich im Grunde gar nicht – ich habe sogar durchgehend Handyempfang und es sind genug andere Leute unterwegs, vor uns, hinter uns, überall … Also wieso nicht weiter um die nächste Biegung und vielleicht auch um die Übernächste?

Ausblick über den bisherigen Weg

Irgendwann können wir nicht mehr. Wir sind fix und fertig! Wie bereits mehrmals erwähnt absolut untrainiert im Treppenlaufen und die sich abwechselnden kalten Grautöne tragen auch nicht gerade zur Motivation bei – aber der Point of no return ist überschritten.

Obwohl immer wieder jemand aufgeben will, ist klar, dass das nicht mehr in Frage kommt. Sonst wären ja die letzten sechs Stunden total umsonst gewesen!?

Außerdem packt uns auch ein bisschen der Ehrgeiz! Wenn wir schon den Großteil der Strecke hinter uns haben, dann wollen wir auch diesen bescheuerten Gipfel vom Ben Nevis sehen! Wie schwer kann das schon sein? Die Oma unseres Taxifahrers war doch auch da oben!

Wir quälen uns weiter. Ständig begegnen uns die gleichen Leute, die an uns vorbei ächzen und schließlich ein paar Meter weiter Pause machen, nur um uns dabei zuzusehen, wie wir vorbei ächzen. Es ist das totale Trauerspiel!

Nebel zieht auf

Wasserfälle, Nebel und Wiesen

 

Das letzte Stückchen

Mit einer Mischung aus gegenseitigen verzweifelten Anfeuerungsreden, der Weigerung, das Aufgeben des jeweils anderen zu akzeptieren und gleichzeitiger völliger Resignation quälen wir uns weiter bergauf, mit winzig kleinen Schritten – und plötzlich wird es flach.

So langsam verabschiede ich mich von dem Gedanken, dort oben müsse die Welt doch in Ordnung sein. Ich erwarte nicht mehr, dass da die Sonne scheint zur Belohnung unserer sportlichen Höchstleistungen und unseres Durchhaltevermögens. Es bleibt grau, mucksmäuschenstill in all dem Nebel und seltsam unwirklich. So ein bisschen, als ob man einen fremden Planeten betreten hätte.

Es wird steiniger ...

Der Weg zieht sich noch ein ganzes Stück weiter und so langsam verliere ich endgültig die Lust. Ich frage mich, wie lange wir noch über graues Geröll durch diese riesige Wolke stapfen, während das Wasser von meinen Haaren tropft. Wenn wir nur wüssten, wie weit es noch ist. Vielleicht dort vorne, dann wäre umdrehen wirklich dumm, aber vielleicht auch nicht …

Und dann, endlich, kommen uns ein paar Leute entgegen. Sie strahlen über beide Ohren und ein Mann reckt wissend den Daumen in die Luft und ruft uns zu:

„You’re nearly there!“

Na aber hallo! Fast da klingt gut! Wir quittieren den Satz mit einem erschöpften Stöhnen und stapfen weiter, aber schon eine Spur zuversichtlicher.

Plötzlich tauchen aus dem Nebel Steinbauten auf. Ruinen und Menschen, seltsame Steinhaufen und alles wirkt ein bisschen, als sollte dort der nächste Horrorstreifen gedreht werden. Nur die Erleichterung, die wir spüren, als wir uns mit aller verbleibenden Kraft ein ordentliches High Five geben, passt nicht so recht dazu.

Auf dem Gipfel

Wie wir dort hin geraten sind, wissen wir selbst nicht, wo wir doch keine Sekunde lang vorgehabt hatten, den Gipfel zu besteigen.

„Wir wollten doch nur zu diesem Bergsee …“

 

Sieg!

Ziemlich sofort löst die eintretende Euphorie die Verzweiflung ab und die ganze Quälerei ist vergessen!

Wir bleiben nicht lange auf dem Ben Nevis. Es reicht für ein paar Bilder, aber es ist Arschkalt und bereits Nachmittag. Der Rückweg allerdings fällt uns ziemlich leicht, jetzt, wo wir die Allergrößten sind und einen Berg bestiegen haben, den wir nie hatten besteigen wollten. Überhaupt der erste nennenswerte Berg ever! Einfach nur so.

Da ist mir sogar egal, dass meine Beine mittlerweile so sehr zittern, dass ich gelegentlich ins Torkeln gerate, dass meine Oberschenkel brennen, dass ich durch gefroren bin und Hunger habe. Die Euphorie hält an bis ganz nach unten!

Siegerpose

Wie gesagt, es mag für manche, für die solche Berge ein normales Hügelchen sind, nicht krass erscheinen; für uns war es das.

Aber ich kann euch sagen: Als wir unten noch einmal auf das Schild gucken, mit all den Sicherheitshinweisen und der Überschrift „Höchster Berg Großbritanniens“, da hat uns endgültig der Größenwahn gepackt!

Es kommt wirklich nicht oft vor, dass ich mich selbst überschätze. Oder für absolut unbesiegbar halte! Aber in diesem Augenblick hätte ich eingewilligt, jeden Berg in Angriff zu nehmen! Wir haben den höchsten Berg Großbritanniens bestiegen – aus Versehen – obwohl wir Zuhause kaum ohne Schnappatmung in den vierten Stock kommen! Wie weit war noch gleich das Mount Everest Basecamp entfernt?

*

Übrigens hatte ich nach dieser Aktion vier Tage lang Muskelkater und konnte kaum noch die Stufen vor unserer Unterkunft erklimmen – aber das war’s wert!
Gehört ihr eher zu den Gipfelstürmern, die jetzt irritiert den Kopf schütteln? Oder zu den Flachlandtretern, die ehrfürchtig große Berge betrachten und sich dann lieber in die Bahn setzen, um dort oben wandern zu gehen?
Wer war schon mal im Glen Nevis? Wo wart ihr, was habt ihr gemacht?
Ich weiß jedenfalls, dass ich nicht das letzte Mal dort war! Und ich weiß jetzt definitiv, dass ich an meiner Ausdauer arbeiten will! Ich will auf richtige Berge!

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