# Die Pfalz Übers Wandern

Alleine wandern gehen – Trotzreaktion par excellence

13. Mai 2018

Ich würde gerne sagen, dass ich überhaupt keine Angst hatte, alleine wandern zu gehen, dabei kaum unter Verfolgungswahn litt und es keine trotzige Kurzschlussreaktion war, es dennoch zu tun, sondern die pure Überzeugung. Das wär aber ziemlich gelogen!

Wenn man als Frau alleine wandern gehen will, ist die größte Herausforderung, sich nicht von seinen Mitmenschen davon abbringen zu lassen. Und ich rede nicht von bösen Mitmenschen, die mit Äxten bewaffnet hinter Felsen lauern; ich rede von Mitmenschen, die denken, Leute würden mit Äxten bewaffnet hinter Felsen lauern. Heute weiß ich, dass das zum Glück eher selten der Fall ist. Und dass es gar nicht gut tut, zu viele Thriller zu schauen …

 

Die Grundidee

Alles beginnt damit, dass ich endgültig die Schnauze voll habe, darauf zu warten, dass jemand den Mitwanderer spielt. Draußen ist herrlichstes Wetter, ich hätte Zeit – aber halt niemand sonst. Da hat man zwei Optionen: Zuhause bleiben oder sagen, was soll’s, und einfach mal machen!

Meine begeisterte Zeit des alleine wanderns fängt an einem schönen Herbsttag Ende Oktober an. So ein richtiger goldener Oktobermorgen. Ich sitze am Tisch, trinke meinen Kaffee und schaue in einer richtigen Jetzt-erst-Recht-Trotzstimmung aus dem Fenster. Ich weiß, dass ich raus will und ich habe keine Lust mehr, mich davon abbringen zu lassen! So!

Bevor ich es mir anders überlegen kann (mein Gehirn versucht es mehrmals, aber ich halte es erfolgreich davon ab! Verdrängen kann ich!), packe ich in einem Anflug von Mut und Größenwahn meinen kleinen grünen Rucksack, entscheide mich spontan im Internet für die Höllenbergtour in Spirkelbach … und sitze plötzlich in meinem Auto. Leicht verblüfft und ohne die geringste Ahnung, wie das jetzt eigentlich passieren konnte.

Irgendwie geht dann alles ganz schnell und auf dem Weg dorthin komme ich doch ins Staunen über mich selbst. Ich gehe normalerweise nie irgendwo alleine hin. Ich finde den Gedanken faszinierend – sich Herausforderungen stellen und so, dafür bin ich grad voll in der Stimmung!

 

Souverän ist anders

Erstaunlich entschlossen parke ich mein Auto, zögere dann doch und linse ein bisschen paranoid durch die Scheibe. Noch ist abgeschlossen, noch ist alles cool! Mehr als eine Person hat mir eingeredet, dass man nicht alleine wandern gehen sollte und obwohl mir der gesunde Menschenverstand sagt, dass das kaum riskanter sein kann als nachts alleine nach Hause zu gehen, steckt das irgendwie im Kopf fest.

„Du kannst doch nicht alleine wandern gehen!“

Aber jetzt wieder umdrehen kommt halt auch nicht in die Tüte. Außerdem habe ich einfach keine Lust mehr, mir einreden zu lassen, was ich alles nicht tun kann!

Irgendwie überwinde ich mich, doch aus dem Auto zu steigen und mit Mini-Hulk (mein Rucksack) zu einer großen Wanderkarte zu gehen, die am Parkplatz aufgestellt ist. Die Tour ist eigentlich gut beschildert, aber es sind weitere Leute auf dem Parkplatz und ich will auf keinen Fall zeigen, wie planlos ich bin – statt mich also auf der Suche nach dem Einstieg verwirrt um die eigene Achse zu drehen, gehe ich zielstrebig zur Karte und suche nach meinem Standpunkt, um dann total entschlossen loszustiefeln.

Die anderen sollen schließlich sehen, dass ich exakt weiß, was ich tue!

Alleine wandern im bereits herbstlich verfärbten Pfälzerwald

Pfälzerwald im Herbst

 

Das 1. Gefühl: Verfolgungswahn!

Ein Pfad führt gleich nach oben in den Wald und ich mache erst einmal Meter, obwohl ich bald ziemlich außer Puste bin. Aber ich will Abstand zwischen mich und die anderen Leute bringen, die gesehen haben, dass ich in den Wald gegangen bin, weil … das muss ja keinen Sinn machen, Hauptsache keiner kann mir folgen!

„Schüttel sie ab, schüttel sie ab …“

Ich bin auch nach der ersten halben Stunde immer noch ein bisschen paranoid, drehe mich öfter als nötig um und beäuge andere Wanderer eher misstrauisch. Ich bin zum ersten Mal alleine im Wald – überhaupt freiwillig irgendwo alleine! Aber ich sehe weit und breit keinen verrückten Axtmörder, drohe nicht von einer Klippe zu stürzen (als ob eine Wanderbegleitung da hilfreich wäre) oder von wilden Tieren gefressen zu werden. Und weil dann sogar die gruseligen Begegnungen komplett ausbleiben und jeder einzelne Mensch, den ich treffe, in unglaublich netter Plauderlaune ist, fange ich an, das alles zu mögen.

Sonnenstrahlen brechen durch die Bäume

Herrlichster Herbsttag

 

Das 2. Gefühl: Überlegenheit!

Und ich meine das nicht auf eine arrogante Weise. Oder doch … vielleicht ein bisschen …

Es dauert jedenfalls nicht lange, bis ich merke, dass ich den anderen Wanderern überlegen bin – so ein bisschen wie ein Ninja! Ich höre sie schon von weitem, ich sehe sie früher als sie mich und wenn ich will, kann ich ihnen sogar ausweichen, ohne dass sie mich bemerken. Ich probiere es ein, zwei Mal aus und bin hellauf begeistert! Und plötzlich fühle ich mich noch sicherer, weil ichs offensichtlich total drauf habe, wenn ich mich so geschickt im Wald bewegen kann, während die Tratschtanten schon auf fünf Kilometer gegen den Wind auszumachen sind. Ha!

Kurze Verschnaufpause auf einem Felsen

Höllenbergtour in Spirkelbach

 

Das 3. Gefühl: Freude an der Freiheit!

Schließlich setzt es ein, das Gefühl, auf das ich eigentlich warte. Die Nase im Wind schnuppere ich Freiheit! Ich fange an, mich über Begegnungen zu freuen, entdecke durch mein alleiniges Umherstreifen viel mehr Tiere als sonst und bleibe sogar geschlagene zehn Minuten stehen, um ein Eichhörnchen zu filmen, das mich um den nächsten Baum herum beobachtet. Außerdem habe ich jetzt nur noch Augen für die bunten Blätter des Herbstwaldes und verharre ständig aus einem anderen Grund, wegen anderer Motive.

Nahaufnahme von Pflanzen

Ich liebe Herbstfarben

Ich liebe es, Fotos zu machen und betreibe das zwar nicht besonders gut, dafür aber exzessiv. Und alleine habe ich auch gar kein schlechtes Gewissen, eine dreistündige Wanderung zu einem Tagesausflug auszudehnen. Immer wieder scheint die Sonne, ich entdecke herrliche Aussichtspunkte und bin stolz wie Bolle – darauf, dass ich es einfach gemacht habe.

 

Alleine wandern – läuft

Abgesehen von der Überwindung am Anfang ist dieser Tag überhaupt nicht creepy, sondern wunderschön! Die einzigen merkwürdigen Begegnungen während glücklicher Stunden im Wald habe ich mit Leuten, die mir gruselige Fragen stellen und ich habe keine Lust mehr, mir davon Bammel machen zu lassen. Gegen Ende begegnet mir noch eimal eine Gruppe Wanderer und eine Frau starrt mich erstaunt an.

„Das ist aber ganz schön mutig, hier alleine herum zu laufen!“

sagt sie und es klingt aus ihrem Mund gar nicht nach einem Kompliment. Eher so, als ob dieses „hier“ sogar ein ganz besonders gefährlicher Ort wäre, um den sich nur Legenden ranken und von dem noch nie jemand lebend zurückgekehrt ist. Ich beschließe, es trotzdem als solches zu nehmen, bedanke mich artig und gehe weiter.

Blick über eine Waldlichtung

Verschnaufpause mit Ausblick

Ein letztes Mal zögere ich ganz zum Schluss, als ich wieder aus den Bäumen heraustreten und eine Straße überqueren soll. Ich merke, dass ich mich im Wald wohler gefühlt habe. Ich bleibe sogar kurz stehen und spähe durch die Bäume.

Aber immerhin muss ich irgendwie nach Hause kommen, oder?

Und während ich zurück zu meinem Auto gehe, bin ich in richtig euphorischer Stimmung; so als könnte mich nichts und niemand von etwas abhalten, das ich wirklich will. Das war die mit Abstand beste Entscheidung, die ich seit langem getroffen habe. Und ich nehme mir fest vor, das in Zukunft öfter zu machen!

Outdoorleben, du hast mich!

*
Jetzt bin ich wirklich gespannt! Geht ihr alleine wandern? Hat euch das Überwindung gekostet? Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht? ♥

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